Jahresrüstzeit vom 20. bis 22. April 2012 in Villigst

„Die Lust am Übergang“
Mehr als 70 aktive, ehemals aktive Soldaten ein-schließlich ihrer Familien folgten der Einladung nach Villigst, dabei wieder eine wunder-volle Spanne von 86 bis null Jahren. Vorstellungsrunde mal anders: Wir berichteten, wo wir derzeit am Übergang sind. Dabei fiel auf: Einige von uns gaben an, dass sie „angekommen seien“, während andere sich „von Übergang zu Übergang schleppten“.

Wie stets führte uns Pfarrer Schmidt mit viel Musik und einer Prise Humor in das Thema ein. Seine Darstellung der 40 Jahre in der Wüste - jedoch in der Sprache unserer Zeit - regte aber nicht nur zum Schmunzeln an.

Nach dem Frühsport für einige wenige Frühaufsteher, Frühstück begann der Tag mit einer Morgenandacht. Sascha Zierold reflektierte dabei die Frage, was es denn bedeutet, dass „Die Weisheit der Welt Torheit vor Gott“ ist (1. Kor. 1, 18-31 – die Gedanken sind etwas ausführlicher im letzten Sternbrief abgedruckt).

Die fünfzehn Kinder arbeiteten derweil unter der Obhut von Frau Zimmermann (Kindergarten BMVg), Marie Schmidt-Eggert und Friedrich v. Freymann an der Darstellung einer Wüste – viel Sand, viel Geschick, viel Phantasie wurden eingebracht.

Übergänge: Gemeinsam stellten wir fest, dass sie Chance, aber auch Ungewissheiten und Risiken beinhalten. Erneut am Beispiel Moses zeigte MilPfr Friedemann Schmidt, dass diese Übergänge sogar unter „wüsten Bedingungen“ stattfinden können. Ein Ziel haben diese Übergänge: Für die Israeliten war es das Gelobte Land. Aber auch dort fanden sie nicht die ersehnte Ruhe – Auseinandersetzungen und neue Übergänge standen bevor.

Wir stellten fest: „Das Leben geht (bisweilen) übergangslos von einem Übergang in den nächsten!“ An den großen Wegmarken der Übergänge helfen uns Rituale: Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung. Wir diskutierten deren Bedeutung, unsere Sehn-sucht, in Übergangszeiten wenigstens Rituale konstant, d.h. verlässlich zu halten, aber auch die Gefahr, dass die Zeit über Rituale hinweg geht und diese nicht mehr verstanden werden. Ein Ritus hilft nur, wenn er auch emotional verstanden wird und Inhalt hat. Am Beispiel der Trauerfeiern für gefallene deutsche Soldaten diskutierten wir, wie um einen würdigen Ritus an einer massiven Übergangsstelle für die Familien, aber auch die Kameraden gerungen werden muss.

Nach dem Mittagessen führten die Mitglieder der CoV ihre Hauptversammlung durch, in der der Vor-sitzende einen Rückblick auf die vergangenen vier Jahre gab. In der anschließenden Wahl wurde der Vorstand bestätigt, und Beirat sowie Kassenprüfer neu gewählt. Mit einem Ausblick auf das nächste Jahr sowie insbesondere der Darstellung der neuen, von Ullrich Weiß hervorragend gestalteten Homepage wurde die Hauptver-sammlung abgeschlossen (Protokoll in diesem Sternbrief unter Nachrichten).

Anschließend gab uns Rolf v. Uslar einen Einblick in seine sechsmonatigen Erfahrungen als Stabsoffizier im ISAF Hauptquartier in Kabul. Dabei betonte er weniger die politische und militärstrategische Lage in Afghanistan als vielmehr seine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Der Dienst in Kabul ist geprägt von sehr fordernder Stabsarbeit in multinationalem Umfeld. Die Sicherheitslage in Kabul war in 2011 viel angespannter als in Kunduz, auch das HQ ISAF, mitten in Kabul gelegen, musste sich eines mehrstündigen Angriffs erwehren. Dabei erlebte Rolf die Bewahrung durch unseren Herrn: eine halbe Stunde vor dem Angriff fuhr er durch eben jenes Tor fuhr, das dann mit RPGs beschossen wurde: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Auf Löwen und Ottern wirst Du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen.“ (Psalm 91,11 ff).

Die Nähe unseres Herrn war auch spürbar in den regelmäßigen Gottesdiensten, die im Einsatz erheblich mehr Bedeutung auch und gerade für die breite Masse der Soldaten besitzt als im Inland.

Zwiespältig bleibt die Bilanz des Einsatzes insgesamt - für die Menschen in diesem leidgeprüften Land konsequentes, erfolgreiches, d.h. segensreiches Handelns kontrastiert mit meist politischem Wankelmut, der das Erreichte aufs Spiel zu setzen droht.

Auf der persönlichen Ebene bleibt die Erinnerung der Begegnung mit wunderbaren Menschen aus 50 Nationen - und die Dankbarkeit für Bewahrung sowie für die Geduld und Leidensfähigkeit der Lieben zu Hause.

Grillmeister Herr Helmes sorgte erneut für das leibliche Wohl – Sonnenschein erlaubte uns, das Abendessen auf der Terrasse (auch ein Ort des Übergangs!) zu genießen.

Was wäre eine CoV-Rüstzeit ohne Fackelwanderung? Nach sehr ernsthaftem Fußball-Kicken verlegten wir mit Fackeln zum nahegelegenen Fluss, wo wir auch die Abendandacht unter freiem Himmel begingen. Pfarrer Schmidt wies uns in seiner gewohnt und gekonnt humorvollen Art auf biblische Geschichten mit Flüssen hin.

Auch den Sonntag begannen manche mit einem Lauf. In der wunderbaren Kapelle des Hauses feierten wir den Gottesdienst. Dies war erneut eine eindrucksvolle Zeit für unsere Gemeinschaft. Die Lieder, die Gedanken, die offene Gebetsgemeinschaft, die Herzlichkeit, die Vertrautheit machten dies eine erfüllte Begegnungsstätte zwischen Menschen und mit Gott. Neben dem Abend-mahl erneuerten wir mit dem Wasser „unseres“ Flusses das Taufbekenntnis. Prinz Waldeck gab die Parole aus: „Man kann gar nicht genug segnen!“

Außerdem erinnerten wir an die Jahresrüstzeit des letzten Jahres, in der Amelie, Anna-Lena und Georg Schmitt getauft wurden. Weil die Taufe der drei Kinder auch für unsere Gemeinschaft von herausragender Bedeutung war, überreichten für den Dreien einen Zinnbecher als Erinnerung an ihren Tauftag.

Leben ist permanenter Übergang. Aber wir wissen, dass wir bei diesen Schritten nicht allein sind. Gott ist mit uns. In Villigst konnten wir uns dessen versichern. Außerdem stärkten Gedanken, Erlebnisse, Begegnungen und das Wissen um die Lebendigkeit einer Gemeinschaft, die sich auf den lebendigen Christus gründet. Dankbar für diese Zeit freuen wir uns auf die kommende Rüstzeit.

Dr. Rolf v. Uslar, Oberfeldarzt