Familienrüstzeit vom 31.10. bis 2.11.2008

Heimat - etwas skeptisch ließen wir uns auf dieses von Militärpfarrer Schmidt vorgeschlagene Thema ein. Am Wochenende des Reformationstages kann man doch eigentlich leicht ein anderes Thema für eine Rüstzeit finden, mit größerem Bezug zum Glauben, näher an der Schrift - so dachten wir. Unsere Skepsis sollte sich sehr schnell auflösen. Am ersten Abend brachte uns Pfarrer Schmidt in heimatliche Stimmung: mit bekannten und neuen Liedern, die von Heimat handeln, durch eine Vorstellungsrunde, in der jeder seine Heimat preisgab und mit regionalen Getränken, die zu Geschichten anregten. So konnte die etwa 40 Köpfe zählende Gemeinschaft aus den verschiedensten Richtungen bei unserer Rüstzeit ankommen. Und wir wurden auch durch die großartigen, humorigen und zugleich tiefsinnigen Geschichten von Pfarrer Schmidt in freudige, gelöste Stimmung versetzt.


Nach einer Andacht zum Losungstext des Tages führte uns Frau Pfarrerin Schmidt-Eggert am nächsten Morgen durch die Methode des "Bibliologs" in die Geschichte, in der Abraham seine Heimat auf Gottes Geheiß verließ (1. Mose 12, 1-9). Dies hat uns in zweifacher Hinsicht beeindruckt. Zum einen lernten wir eine spannende, inspirierende Methode kennen, die ein tiefes Eindringen in den biblischen Text, gleichsam ihre Entdeckung erlaubt. Beim Bibliolog versetzen sich die Teilnehmenden in die biblischen Gestalten hinein. Sie schlüpfen, so sie sich einlassen, in einzelne Rollen der Geschichte und füllen dadurch die "Zwischenräume" der Texte, das "weiße Feuer" mit eigenen Ideen und Gefühlen und gewinnen so einen lebendigen Zugang zu dem "schwarzen Feuer" der Buchstaben des Textes. Lebensgeschichte und biblische Geschichte verweben sich dabei miteinander und legen sich gegenseitig aus. Die Bibliologin oder der Bibliologe führt in die Methode und das, was die Teilnehmenden erwartet und was von ihr erwartet wird, im "Prolog" zunächst kurz ein. Dann folgt eine Hinführung in die konkrete biblische Geschichte ein, die eine Identifikation mit den Gestalten erleichtert und erzählerisch die wesentlichen Informationen über den Text vermittelt. An einer Stelle, wo "weißes Feuer" lodert und eine Identifikationsmöglichkeit nahe liegt, schlägt die Leitung die Bibel auf und liest einen Satz oder einen kurzen Abschnitt. Aus diesem weist sie der Gemeinde die Rolle einer biblischen Gestalt zu und spricht sie in dieser an. Bibliolog geht davon aus, dass die biblischen Texte Menschen heute - in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen - etwas zu sagen haben. Dies geschieht aber nicht automatisch, sondern wird durch bestimmte Wege wahrscheinlicher gemacht. Gleichzeitig trägt dieser Ansatz methodisch der exegetischen und systematisch-theologischen Erkenntnis Rechnung, dass der gleiche Text von unterschiedlichen Menschen In unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen auf ganz vielfältige Weise gehört wird. Jeweils andere Aspekte und Aussagen des Textes werden wichtig, je nachdem, wer sie in welcher Lebenssituation wahrnimmt. Es gibt nicht die eine Botschaft des Textes, der die Einzelnen nur zustimmen oder sich von ihr abgrenzen können, sondern es geht um einen persönlichen Zugang zum Text. Damit wird gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, auch die Zugänge anderer wahrzunehmen und dadurch die eigene Wahrnehmung zu erweitern, möglicherweise auch zu verändern. Die Vielfalt an Aussagen und die unterschiedlichen Perspektive, die dabei deutlich werden, relativieren die Subjektivität auch wieder, da die Subjektivität anderer gleiches Recht beanspruchen und den eigenen Zugang als lebensgeschichtlich geprägt erweisen.

Diese Methode hat uns alle tief beeindruckt. Wir konnten uns in die hineinversetzen, die ihre Heimat verlassen mussten, konnten ihre Ängsten und ihre Fragen, ihre Hoffnung und ihre Freude nachempfinden. Und wir konnten uns diese als Spiegel vorhalten. "Danach zog Abraham weiter ins Südland"; so endet die der Text in 1. Mose 12, 9. Hier sollten wir am zweiten Abend weiter ansetzen.

Doch zunächst machten wir am Nachmittag uns zur Ruine des Klosters Heisterbacherrott auf. Nach einer kurzen Wanderung erwartete uns das wunderbare Ambiente einer alten Klosteranlage mit seiner imposanten Chorruine, die insbesondere den Kleinen viel Freude zu bereiten schien. Und wieder gab es etwas zu essen! (Die Mägen waren noch voll von der guten Verpflegung im Haus Schlesien). Mit einer Portion Gulaschsuppe im Magen machten wir uns nach Einbruch der Dunkelheit mit Fackeln bewaffnet auf den Rückweg. Dies hat insbesondere dem Nachwuchs ganz besonders gefallen - und nicht nur dem Nachwuchs!
Am Abend zurück im Haus Schlesien griffen wir das Heimat-Thema erneut auf. Mit einer bilderreichen Anleitung führte uns Pfarrer Schmidt eindrucksvoll vor Augen, dass wir mit Heimat immer das Zurückliegende verbinden, sei es unser Geburtsort, der Kuchen der Großmutter, die Kindheit - eben das gewohnte "Früher". Am Morgen hatten wir jedoch von Abraham gelernt, dass er nicht auf seine Heimat zurückschaut, sondern in seine Heimat aufbricht. Seine Heimat ist bei Gott. Sie ist das verheißende neue Jerusalem. Dies ist eine etwas andere Dimension als die noch so wichtigen, prägenden, lieb gewonnenen, mitunter auch belastenden Erinnerungen und Erfahrungen. Unsere wahre Heimat liegt erst vor uns. Hier war nun der - gleichsam dialektische Bogen gespannt: Vielleicht sollten gerade wir Soldaten, Bundeswehrangehörige und ihre Familien, die wir durch häufige Versetzungen, Pendelei und Einsätze zu modernen Nomaden geworden sind, versuchen, die Gegenwart heimatlicher zu gestalten. Nicht nur dankbar und wehmütig zurückblicken auf vielleicht Verlorenes, sondern nach vorn blicken auf Verheißendes und dadurch die Zuversicht und die Kraft haben, im "Hier und Jetzt" schon sich heimisch zu fühlen. m Sonntag durften wir am Gottesdienst der Gemeinde Königswinter-Ittenbach in der Auferstehungskirche teilnehmen und uns dabei mit den auf unserer Rüstzeit erlernten Liedern sowie mit Gebet einbringen. Der ehemalige Militärpfarrer Demond aus Königswinter, der uns während der ganzen Rüstzeit begleitet hatte, hielt die Predigt. Sein Thema war das unserer Rüstzeit. Er brachte unsere Erkenntnisse in seiner Auslegung von Abrahams Weg in seine Heimat auf den Punkt.

Anschließend waren wir zum Kirchenkaffe der Gemeinde eingeladen. Dort hatten wir Gelegenheit, auf die Rüstzeit zurückzublicken, Anregungen für das nächsten Mal zu formulieren und aufzunehmen. Es war eine gesegnete Zeit für Groß und Klein. Deutlich wurde uns, dass die CoV im Sinne der Quintessenz der Rüstzeit eine geistliche und emotionale Heimat für uns Soldaten und Bundes-wehrangehörige sein kann und sein soll. Im Anderen nicht nur die Anwesenheit Christi sehen, sondern auch ein Stück Heimat dies macht (Vor)Freude auf weitere gemeinsame Zeit! Wir danken herzlich den Ehepaaren Schmidt und Helmes (Frau Helmes hatte wieder einmal eine großartige Kinderbetreuung sichergestellt, Pfarrer Demond und jedem Einzelnen, der zu dem lebendigen Wochenende unserer Gemeinschaft durch seine Teilnahme beigetragen hat. Wir blicken im Sinne Abrahams nach vorn - zur nächsten Rüstzeit im April 2009 und freuen uns auf rege Beteiligung und eine abermals gesegnete Gemeinschaft.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Dietrich Bonhoeffer