Familienrüstzeit vom 28. bis 30. Oktober 2011 in Königswinter

Erhoffte Vergangenheit – erinnerte Zukunft – Über den Umgang mit der eigenen, persönlichen Geschichte
Das waren scheinbar widrige Bedingungen, unter denen unsere Rüstzeit beginnen sollte. Weil es um die Buchung im Haus Karrenberg aus irgendeinem Grund zu einem Missverständnis gekommen war, mussten wir sehr kurzfristig auf ein anderes Haus ausweichen. Aufgrund des großen Engagements von Franziska von Freymann und Otto Ciliax gelang es, zeitgerecht einen wunderbaren Ort für unsere Rüstzeit in Königswinter zu finden und die ganze Gemeinschaft dahin umzuleiten. Es war nicht nur durch diesen recht aufregenden Start wieder eine ganz einzigartige Zusammenkunft unserer Gemeinschaft.

In das von Militärpfarrer Friedemann Schmidt vorgeschlagene Thema „Erhoffte Vergangenheit – erinnerte Zukunft“ stiegen wir mit einer Andacht zum Gedicht Dietrich Bonhoeffers „Vergangenheit“ ein.

Anschließend sahen wir dann gemeinsam den Film „Big Fish“. Der Film erzählte von einem Mann, der seine Vergangenheit in farbenfrohen, fantasiereichen Geschichten wiedergab. Waren diese Geschichten nur Übertreibungen, Aufschneiderei, Lügen, Flucht vor der Wahrheit? Aufgrund seines Daseins als „großer Geschichtenerzähler“ hatte der Mann die Beziehung zu seinem Sohn gefährdet, denn dieser fühlte sich nicht angenommen, verstanden, weil er nicht in die Fantasien des Vaters passte.

Am Nachmittag leitete Axel von Freymann dann die Aussprache zum Film mit einigen Gedanken ein. Wie halten wir es mit unseren Vergangenheiten? Wie erzählen wir sie anderen? Was erzählen wir anderen überhaupt aus unserer Vergangenheit? Wie beeinträchtigen unsere „Vergangenheitsberichte“ unsere Beziehungen? Was haben unsere Väter und Großväter eigentlich von ihrer Vergangenheit im Krieg erzählt? Geht die Wahrheit über alles, auch wenn es um Verletzungen geht? Die vielen Fragen zu unserem Umgang mit unserer Vergangenheit und unser recht offener Austausch leitete auch zu Fragen nach der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, nach dem Umgang in der Familie insgesamt. Nicht jedem hat der Film gefallen. Doch er bot uns den Anlass für einen sehr fruchtbaren und sehr anregenden Gedankenaustausch.

Nachdem „unser“ Pfarrhelfer Herr Helmes wieder seine beinahe legendären Grillkünste zu unser aller Wohl zum Einsatz gebracht hatte, stand am Abend wieder unsere Fackelwanderung an. Nach wenigen hundert Metern gelangten wir zur Rheinfähre, setzten über, entzündeten die Fackeln und legten dann weitere wenige hundert Meter zum Platz unserer Abendandacht unmittelbar am Rhein.

Der Fackelschein und die Nähe zu diesem gewaltigen Fluss sorgen für eine besondere Stimmung. Nach etwa eine Stunde und ein paar Schluck Heißgetränk kehrten wir wieder über den Rhein in unsere Behausung zurück und ließen den Abend ausklingen.

Der Gottesdienst war ebenfalls außergewöhnlich. In tiefer geistiger Verbundenheit zu dem leider räumlich entfernten Militärpfarrer Friedemann Schmidt verbrachten wir sehr intensive 90 Minuten mit Liedern, deutsch- und englischsprachigen Textlesungen, Gebetsgemeinschaft, und Gedanken zum Thema.

In der Predigt ging es um Rückblick, Gegenwart und Zukunft – dem Rüstzeitthema entsprechend.

Bereits bei unserer Andacht am Rhein am Abend zuvor hatten wir auf die Geschichte von den zehn Aussätzigen (Lukas 17, 11-19) gehört:

„Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!  Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

Neun der Zehn haben nicht zurückgeblickt! Das wirft die Frage nach unserer Dankbarkeit auf. Wie die zehn bedürfen wir alle der Hilfe. Wir sind begrenzt! Damit unsere ganz persönliche Geschichte wirklich und wahrhaftig gut wird, benötigen wir Unterstützung. Der Blick zurück ist auch daher kein Selbstzweck. Es geht keinesfalls um ein durch schlechtes Gewissen getriebenes Selbstzerfleischen, sondern um Bewusstseinswerdung.

Insbesondere angesichts des Reformationstages galt es, auf unsere Verantwortung in unserem Leben, aber auch auf unsere durch Christus geschenkte Freiheit und Stärkung zu blicken: „Seid mutig und stark“, so wird es uns im 1. Korintherbrief zugerufen. Mit Wissen um unsere Vergangenheit, kommt es in der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft darauf an. „Seid mutig und stark“ – dazu hat uns Christus befähigt.

Mit einem irischen Reisesegen beendeten wir Gottesdienst und Rüstzeit:

„Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen, möge der Wind dir den Rücken stärken. Möge die Sonne dein Gesicht erhellen und der Regen um dich her die Felder tränken. Und bis wir beide, du und ich, uns wieder sehen, möge Gott dich schützend in seiner Hand halten. Gott möge bei dir auf deinem Kissen ruhen. Deine Wege mögen dich aufwärts führen, freundliches Wetter begleite deinen Schritt. Und mögest du längst im Himmel sein, wenn der Teufel bemerkt, dass du nicht mehr da bist.“

Bevor wir uns voller Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit auf unsere Wege machten, konnten wir Roger und Margaret Hogan für ihre Arbeit in der „Operation Centurion“ die Kollekten unserer letzten beiden Gottesdienste übergeben. Die insgesamt 500 € werden insbesondere der Produktion der Tarnfleck-Bibeln zugute kommen, die wir sehr gerne verteilen.

Der Vizepräsident der AMCF für Süd- und Zentraleuropa, Brian Parker, und seine Frau Jean verbrachten noch den Nachmittag bei Familie von Freymann, bevor sie sich auf den Heimweg nach Großbritannien machten. Auch ihre Gemeinschaft war eine Bereicherung.

Sascha Zierold, Oberstleutnant i.G.