„Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott“

Gedanken zu 1. Korinther 1, 18-31 - Es ist wohl ein wesentlicher Bestandteil des Evangeliums: Gott ist mit den Schwachen.
Um schon jetzt mit ihm zu leben, um einst bei ihm zu sein, müssen wir nicht über Hürden springen, müssen wir nicht stark werden. Er nimmt uns in unserer Schwachheit, unserer Bedürftigkeit an. „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“ Er hat für uns gelitten, ist für uns gestorben, hat uns mit seinem Tod von unserem Ballast, unseren Sünden entlastet, hat uns vergeben, hat uns zur Freiheit befreit. Das ist die großartige Botschaft!

Ich hörte vor einigen Wochen eine Predigt zu den Versen aus dem 1. Korintherbrief. Der Pfarrer holte die Botschaft in unsere Welt. Nicht die Angesehenen, die Leistungseliten, die Wohlhabenden, die Klugen, die Einflussreichen seien Adressat der Botschaft, sondern die Benachteiligten, die Ärmeren, die weniger Leistungsfähigen oder –starken, die wenig Einflussreichen. Solche Predigt leuchtet schnell ein, vermag „die Massen“ zu trösten. Solche Predigt gerät aber auch schnell zur Kritik an unserer Welt. Hier wird die Mehrheit von den sogenannten Mächtigen gesteuert, bleibt ohne Möglichkeiten zur wahren Freiheit, zur Selbstbestimmung, zur Selbstverwirklichung. Durch Christus wird nun endlich die schlimme unterdrückende Minderheit entmachtet. Endlich wird die ungerechte Logik der Welt auf den Kopf gestellt. Endlich wird der Mensch seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt. Solche Predigt von weltlicher Ungerechtigkeit spricht unverhohlen von Umsturz. Der noch nicht ganz untergegangene Kommunismus kennt eine sehr ähnliche Argumentation. Und diese argumentative Nähe treibt den Ärger in mir hoch!

Wendet sich Gott wirklich nur an die in dieser Welt Benachteiligten? Das wäre sehr dumm für den Vorstandsvorsitzenden einer Bank, für Frau Bundeskanzler, für Spitzendiplomaten, für die militärische Spitze unserer Bundeswehr, für die Professorenschaft unserer Universitäten, die Leitung unserer Kirchen! Ist das Streben nach Bildung, nach Höchstleistungen und Erfolg, nach nüchternen und rationalen Handlungsgrundlagen, nach vernünftigen Lösungen wirklich „unsinnig“ in den Augen Christi?

Nach dem Ebenbild Gottes sind wir geschaffen, ausgestattet mit Verstand und den verschiedensten Talenten. Die Predigt vom „Primat der Benachteiligten“ übersieht im besten Falle, dass sie unsere durch Gott vergebene Ausstattung und damit auch die reichlicher ausgestatteten Menschen mit Füßen tritt. Soll denn ein kluger, charmanter, belesener, erfolgreicher und daher vielleicht auch wohlhabender Mensch erst irrational handeln, seinen Verstand negieren, seine Erfolge bewusst selbst beenden, um bereit zu werden für ein Leben mit Gott?

Ich empfinde es immer wieder als bemerkenswert, wie schlecht diese Welt durch Christen gemacht wird. Ist es denn etwa kein Geschenk, dass Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können? Ist alles unchristlich, was nach der Beendigung von Unterdrückungsregimen, nach der Befreiung von menschenverachtenden Diktaturen geschehen ist? Ist es unchristlich, dass in unserem Wirtschaftssystem Menschen Chancen erhalten, ihre Fähigkeiten auch für eine Wohlstandsstiftung einsetzen können, sich für Aufbau einzusetzen? Will eine solche Predigt lieber den zutiefst unmenschlichen Kommunismus zurück, der all das prinzipiell nicht will, sondern das Individuum auch gegen seinen Willen ins Kollektiv presst, weil er ja besser weiß, was gut für alle ist?

Menschen sind als Individuen geschaffen. Sie sind unterschiedlich und damit auch unterschiedlich leistungsfähig. Manche sind stärker als andere, können besser reden, besser malen, besser schreiben, sind fremdsprachlich begabter, sind klüger, können besser verhandeln, manche bezaubern andere, können besser zuhören, können sich besser in andere hineinversetzen, sind besser dazu befähigt, anderen zu helfen, können besser kämpfen . . . Will gerade die christliche Botschaft solche individuellen Unterschiede schlecht reden? Will sie bei unterschiedlichen Befähigungen nur das „untere Drittel“ als wertvoll ansehen?

Wenn Gott die Logik dieser Welt bricht, dann verbleibt er doch nicht in derselben Logik. Es geht doch nicht ums Umdrehen, sondern um das Schaffen einer neuen Welt, ein neues Jerusalem. Das bereits angebrochene Reich Gottes steht über unseren Zusammenhängen und Funktionalitäten.

„Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“ Der Zweck, dem das Reich Gottes folgt, ist die Befreiung von der Welt, nicht ihre Vernichtung. Werdet frei und befähigt, über diese Welt hinauszusteigen.

Es ist kein Wert an sich, arm zu sein. Was für eine christliche Botschaft, die in „Harz IV“ ein Heil sähe! Dem reichen Jüngling, der Jesus danach fragt, wie er in das Reich Gottes gelangen könne, sagt Jesus doch nicht, dass es mit dem Verschenken seines Vermögens gelinge. Er sagt ihm, dass sein Herz nicht mehr am Vermögen als dem höchsten Wert in seinem Leben hängen bleiben darf. Er sagt ihm nicht, dass er beginnen müsse, sein bisheriges Leben, seine Stärken, seine Fähigkeiten zu verachten. Den Jüngern, die Jesus auffordert, nicht mehr zurückzusehen, es den Toten zu überlassen, die Toten zu begraben, die fordert er doch nicht auf, die eigene Familie zu verachten. Es geht um andere Prioritäten, andere Motivationen, um den wahren Durchblick.

Hören wir doch auf, diese Welt ganz grundsätzlich schlecht zu machen. Stellen wir doch die Reden ein, die Eliten offen oder durch die Blume sagen, dass sie nicht zu Gott kommen können, solange sie zu Eliten zählen. Wenden wir doch den Blick nach vorn! Paulus sagt uns, dass wir im Wandeln leben, nicht im Schauen. Das Reich Gottes ist bereits in dieser unserer Welt angebrochen. In diese Welt bleiben wir gestellt – nicht um sie zu zerstören oder umzuwälzen. Wir sind durch Christus befreit, um wahrhaft frei in dieser Welt zu leben, befreit, um andere aus der durch Christus begründeten Liebe heraus zu lieben, anderen zu helfen, Zustände zu gestalten, unsere geschenkten Fähigkeiten zum Wohle anderer zu entfalten – auch zu unserem Wohle. Ich wünschte, dass mehr Christen beginnen könnten, auch leistungsstarke Menschen lieben zu können und sie nicht beinahe reflexartig in die „gegnerische Mannschaft“ zu schieben. Die Einladung an die Mühseeligen und Beladenen bedeutet keinen Ausschluss derer, die aufgrund von Erfolg in dieser Welt vordergründig keine Lasten zu tragen haben. Versuchen wir doch, durch die äußerlichen Lasten des irdischen Lebens hindurchzusehen und zu erkennen, dass auch sogenannte Eliten Mühsaal und Lasten tragen müssen.

Beginnen wir doch alle Menschen als liebenswert anzusehen, zu verstehen, dass Gott für alle Menschen Mensch geworden ist – nicht nur für sozial schwache Schichten oder für diejenigen, die ganz bewusst in diese Schichten streben. Bauen wir doch keine Hürden auf dem Weg zu Gott auf, nachdem er alle Hindernisse niedergerissen hat.

Sascha Zierold, Oberstleutnant i.G.