64. Gesamtkonferenz der evangelischen Militärseelsorge, 11. – 15.03.2019, Wittenberg

„Begleiten und Orientieren"
Seelsorge in der Bundeswehr

Die diesjährige GeKo hatte einen wahrhaft „stürmischen“ Beginn - zumindest für einen Teil der Teilnehmer, die, wie ich auch, mit dem Zug anreisten. Die Stürme vom Sonntag, und auch die Restböen am Montagmorgen, verwehten besonders im Bereich des Kölner Hauptbahnhofes und im Rhein-Ruhr-Gebiet alle Fahrpläne. So schmolz auch mein Zeitfenster dank der mehr als dreistündigen Verspätung in Wittenberg auf 15 Minuten bis zum Beginn des Festgottesdienstes in der Stadtkirche St.-Marien (Luthers Predigtkirche) zusammen. Mit diesem Festgottesdienst wurde die diesjährige Konferenz eröffnet, an der offiziell Oberstleutnant Björn Hoyme für die CoV und ich für den AK-Soldaten teilnahmen.

In seiner Predigt ging Militärbischof Dr. Rink besonders darauf ein, dass Gott Dinge zulässt, die wir oft nur schwer oder auch gar nicht verstehen. Angesichts dieser Herausforderung und Zwiespältigkeit fragen gerade Soldaten in den Einsätzen – aber auch in den „normalen“ Alltagssituationen an den Standorten – nach dem Sinn des Lebens und Handelns. Hier schulden MilSeelsorge und wir als christliche Soldaten/Ehemalige den Menschen in der Bw, so Bischof Rink wörtlich: „das Evangelium, als die Botschaft von der Erlösung, dem Trost im Leben und im Sterben“.

Beim anschließenden Empfang im Alten Rathaus der Stadt Wittenberg wurden die Militärseelsorger und wir anderen Gäste aus Politik, Kirche, Bundeswehr und den Militärseelsorgeorganisationen befreundeten Nationen (u.a. Finnland, Polen und Frankreich) vom Oberbürgermeister der Stadt herzlich begrüßt. Der Wehrbeauftragte des Bundestage Hans-Peter Bartels und der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr Vizeadmiral Rühle stellten sich in Grußworten hinter die Militärseelsorge. Auf Grund der aktuellen Diskussionen bzgl. der Umstellung der ethischen Bildung in den Streitkräften und des „Lebenskundlichen Unterrichts“ sprach Dr. Bartels vielen aus dem Herzen: „Man sollte nicht ohne Not Bewährtes zur Disposition stellen.“

Im ersten Impulsvortrag nach der Morgenandacht am Mittwoch, zeigte Frau Prof. Lammer aus Freiburg einige sehr überraschende Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Wirkungen und Wirkfaktoren der Militärseelsorge auf. Sie stellte fest, dass diese interdisziplinäre Studie die Arbeit der Militärseelsorge bestätige. Besonders eine spezielle Seelsorge wie die der Militärpfarrer erreiche
- 1. mehr „junge“ Erwachsene,
- 2. mehr Männer,
- 3. mehr Erwerbstätige und
- 4. mehr konfessionslose (allgemein > 30%, in Berlin sogar bis 50 %).
Außer dem Wunsch nach mehr Zeit für Seelsorge besteht kaum Verbesserungsbedarf. Wichtig für die Seelsorge seien u.a. folgende Alleinstellungsmerkmale:
- die Wertebindung,
- der niederschwellige Zugang zur Seelsorge,
- der Verzicht auf Vorbedingungen,
- die „Religiösität“ der Seelsorge.
Sie spreche vor allem Menschen an, die „nichts mehr mit Kirche anfangen können“. Hier ein paar Aussagen dazu: -fühle mich zum 1. Mal angenommen, -fühle mich verstanden, -Glaube ist zurückgekommen, nach 25 Jahren gehe ich wieder in die Kirche,- jetzt habe ich das Gefühl „da ist wieder was“, -das hat vielen oft gefehlt.
Insgesamt leben die Seelsorge vor allem
- 1. von der Qualität der Beziehungen,
- 2. von der Genauigkeit des Zuhörens und Verständnisses und
- 3. Dauer der seelsorgerlichen Zuwendung.
Seelsorge erhalte zudem immer mehr interdisziplinäre Anerkennung (Zitat: „Glaube und christliche Botschaft tragen mehr als Wissen, z.B. von Psychologen und Ärzten).

Der zweite Vortrag des Tages „Begleitung im Licht des Evangeliums“ von Prof. Isolde Karle aus Bochum zum Selbstverständnis der Evangelischen Militärseelsorge löste eine gewisse Irritation und damit eine etwas kontrovers geführte Diskussion aus. Unterschwellig entstand der Eindruck, dass die vertrauensvolle Zusammenarbeit und Begleitung der Soldaten durch die Militärseelsorge mehr durch eine distanzierte Begleitung ersetzt werden könnte. Einige Formulierungen der Thesen wurden so empfunden, dass die Diskussionen um die Militärseelsorge der 90ziger Jahre wieder aufbrechen könnten, und standen zudem etwas im Gegensatz zu den Ergebnissen des vorhergehenden Vortrages. In der anschließenden Kommentierung des Vortrages von Prof. Karle brachte Brigadegeneral René Leitgen vom EinsFüKdo es aus soldatischer Sicht zum Ausdruck, dass eine frühzeitige Beteiligung der Truppe bei der Erstellung von solchen Thesenpapieren Missverständnisse vermeiden könne.

Im „Leib und Seele Programm“ nach der Mittagspause wurde dann „Kraft“ für die Workshop-Arbeit am Spätnachmittag getankt. In sieben Arbeitsgruppen erarbeiteten wir darauf folgend Gedanken zur seelsorgerlichen Begleitung, gerade auch von kirchenfremden Menschen. (Ergebnisse s.u.)

Generalleutnant v.Heimendahl als Leiter der Abteilung Personal im BMVg schilderte im Eröffnungsvortrag am nächsten Morgen die zukünftigen Herausforderungen für die Truppe. Trotz der zwischen 2016 und 2018 um 6.500 angewachsenen Dienstposten, die bis 2023 auf 203.000 auch weiter steigen sollen „quietscht und eiert das System“. Seiner Ansicht nach liegt dies nicht so sehr an den vorhandenen Defiziten (materiell und finanziell), sondern vor allem an der Auslastung und Belastung der Truppe. Im Wettbewerb mit der Wirtschaft und dem übrigen öffentlichen Dienst sind Personalgewinnung und -entwicklung die großen Themen. Z.Zt. sind über 33.000 Menschen für die Bw in der Ausbildung. Diese soll zukünftig noch stärker die individuellen Stärken und Kompetenzen der Soldatinnen/Soldaten fördern und Stärken. Die Beseitigung der Defizite obliegt der Politik und nicht der Seelsorge. Die Aufgabe der MilSeelsorge ist die Begleitung und Orientierung. Von Heimendahls Rat an die Pfarrer: „Gestalten Sie den Prozess!“, gerade bei Unsicherheiten, Unzufriedenheiten und Stress.

Im anschließenden Vortrag des Soziologen Prof. Martin Elbe vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam (ZMSBw) sorgten die nüchternen Zahlen für Nachdenklichkeit. Er hatte in einer repräsentativen Untersuchung der inneren Einstellung, Motivation und Lebensprioritäten von BwAngehörigen der einzelnen Dienstgradgruppen festgestellt, dass zwischen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften teilweise erhebliche Unterschiede in der Wertigkeit wichtiger Lebensfaktoren bestehen. Gerade bei Mannschaften ist selten vom Wunsch „zu lernen“ oder Freude an neuen Herausforderungen – somit nach Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten – die Rede. Aufgabe der Ausbildung und Personalführung sei es, „verschüttete“ Anlagen und Fähigkeiten der Einzelnen zu entdecken und zu fördern, also um „lebenslanges“ selbstständiges Lernen und eine ständige persönliche Weiterentwicklung.

Als letzter gemeinsamer und inhaltlicher Punkt der GeKo stand die Ergebnisbündelung der Workshops vom Vortrag an. Als Gesamtergebnis wurde hierbei zusammengefasst: Seelsorgerliche Arbeit bedeutet Pfadfinder und Begleiter in der „Terra Incognita“ des Lebens zu sein, die wirklichen Sinnfragen stellen und Lösungen suchen, auch im Umgang mit Verwundung – körperlich und psychisch – und dem Tod. Hier wird volle menschliche Zuwendung gebraucht, die hilft und unterstützt aber nicht einem etwas überstülpt oder vorschreibt. Hier wurde das Wort Absichtslosigkeit benutzt, das m.E. aber nicht ganz den Kern trifft, da schon mit dem Angebot der Hilfe oder Unterstützung im Grunde eine Absicht vorliegt. Eher würde ich im Hinblick auf das Handeln von Jesus Christus von einer bedingungs- und vorbehaltslosen Zuwendung zu dem Einzelnen sprechen, der uns in seiner Barmherzigkeit und Liebe das alles vorgelebt hat.

Nach dem Mittagessen, stand eine Exkursion nach Leipzig mit diversen Führungen an, die mit einem gemeinsamen Abendessen in dem schon literarisch – s. Goethes „Faust“ - und musikalisch s. J. Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ – bekannten Leipziger Lokal „Auerbachs Keller“ endete.

Am Donnerstagmorgen verabschiedeten wir „Gäste“ uns dann, während die Pfarrer gemeinsam mit dem EKA noch eine Vielzahl interner Fragen erörterten.

Als Fazit der 64. GeKo bleibt festzuhalten: Die zentrale Frage war: „Was ist die Aufgabe und Rolle der Militärseelsorge in der derzeitigen und der zukünftigen Situation der Bw?“

Sie prägte nicht nur die offiziellen Teile dieser Konferenz, sondern auch die Gespräche in den Pausen und die persönlichen Kontakte, bis weit in die Nacht bzw. den frühen Morgen. Gerade in der heutigen Zeit bietet die Militärseelsorge auch kirchenfernen Menschen Begleitung und Orientierung, die auch bewusst von den Soldaten angenommen wird. Es gilt zu verhindern, dass Bundeswehrangehörige zu „menschlichen Kampfmaschinen“ werden, wie es in der deutschen Historie unrühmliche Beispiele gibt, oder wie es für manche Armee- und Milizangehörigen unlängst auf dem Balkan, dem Nahen Osten oder in Nordafrika gilt.

Im Licht des Evangeliums bietet die Militärseelsorge dabei Antworten auf zentrale Fragen des Lebens.